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  • on 05.09.2008
  • at 08:44 PM
  • by Dirk

Von Welten und Fenstern 0

Sep5

Ich hatte das Glück durch meinen Job 2 nette Leute von Pocketframes kennen zu lernen. Kurzvorstellung: Pocketframes integriert mobile Endgeräte in den Kommunikationsprozess von Marken. Im Grunde waren sie bei uns, um im lockeren Zusammensein zu erklären, was sie eigentlich machen. Im Zuge dessen zeigten sie als erstes eine Nokia-Werbung mit dem Titel: „The 4. Screen“:

Die Werbung wurmte mich. Für mich mit Hintergrund aus der Welt der Spiele fand ich es sehr irritierend, dass sie Fernsehen und Videospiele lapidar in einen Topf warfen. Die Trennung von PC und Handy-Bildschirm fand ich im 2. Schritt auch nicht wirklich passend. Nokia ist nunmal ein Handy-Hersteller und muss sich wahrscheinlich mit Gewalt von anderen Medienkanälen abheben, aber das ging nach meinem Verständnis nach daneben. Daraus entwickelte sich eine spannende Unterhaltung mit den schon erwähnten Pocketframes-Leuten, die mich nicht los ließ.

Zur Erklärung: Ich sehe die genannten Bildschirme nur als Fenster in, nun, nennen wir sie einmal Medienwelten. Ich meine in diesem Kontext auch explizit nur multimediale Welten, gedrucktes etc. bleibt außen vor. Aber holen wir mal aus..

Fenster in die Erste Welt

Das Kino, der erste, der silberne Bildschirm zeigte uns eine Fantasiewelt. Wenige Akteure, viele Konsumenten. Wir sitzen vor diesem Bildschirm und können nichts tun, außer zusehen. Es ist also eine statische Welt, geschaffen von wenigen, inzwischen völlig unerreichbaren und fast schon mythischen Personen.

Die Einführung des Fernsehers zeigte uns genau die gleich Welt. Jedoch verlieh es der Welt nach und nach immer mehr Breite. Es kamen mehr Inhalte, mehr Formate, es kam der Zeitpunkt, wo wir von der Medienwelt eingeladen wurden mitzumachen, aber dennoch blieb das Zusammenspiel zwischen Fernsehen und Zuschauer immer mehr oder weniger einseitig: die Medienwelt präsentiert, der Betrachter konsumiert.

Die Welt evolvierte dann schließlich doch noch. Erst wurde es mit einem Gerät plötzlich möglich, selbst den Ablauf der Inhalte zu bestimmen. Dieses Gerät zur Aufnahme und Wiedergabe von Inhalten dieser Welt machte den Zuschauer unabhängig von Zeit und Raum: er musste nicht mehr in dem Moment vor dem Bildschirm sitzen, an dem etwas passierte, er konnte es sich wahlweise auch später ansehen – egal ob an seinem oder einem anderen Bildschirm. Und schließlich kam ein Gerät, mit dem jeder selbst Inhalte für diesen Bildschirm erstellen konnte. Jeder wurde zum Akteur und konnte sich selbst in diese Welt setzen, wann und wo immer er wollte. Jedoch wurde der Inhalt in dem Moment statisch, als er in der Welt ankam.

Fenster in die Zweite Welt

Videospiele zeigten in eine andere Welt. In dieser neuen Welt war man nicht Konsument. Dort war man selbst Raumschiffkapitän, Spion, Superheld oder Pilot. Während der erste Bildschirm einlud sich vorzustellen, der Akteur zu sein, konnte man in Videospielen tatsächlich als Solcher agieren. Diese virtuellen Welten waren in erster Linie natürlich erst einmal Abbilder von bekannten Themen, doch der Grad, mit dem man partizipieren konnte, in die Welt eingeladen wurde, machte das Fenster in die zweite Welt zu etwas besonderem.

Und auch diese Welt entwickelte sich und wuchs. Plötzlich wurde sie nicht nur Teil des Wohnzimmers, sondern jeder konnte sie mit sich herumtragen. Mobile Geräte luden nicht nur in die Welt ein wo immer man war, er lud auch Leute ein, die nicht unbedingt Raumschiffe fliegen oder spionieren wollten, sondern vielleicht einfach nur Blöcke stapeln. Und vor allem wurden diese mobilen Fenster immer aktiver, bis die Welt schließlich von den Hosentaschen der Spieler von sich aus mit den Spielern agierte, wann immer SIE wollte und nicht der Spieler. Zum Beispiel durch seltsame Abbildungen eines schienbar virtuellen Lebewesens auf diesem realem Bildschirm.

Fenster in die Dritte Welt

Schritt für Schritt entwickelte sich eine andere Welt daneben. Das Fenster in diese Welt war ein Computer. Lange war die Welt klein und bestand nur aus Zahlen und Zeichen, doch dann wuchs sie in einem enormen Tempo. Erst mit Farbe, dann mit Grafiken und Videos. Eine Besonderheit an dieser Welt war jedoch, dass jeder dazu eingeladen war, die neue Welt mit Leben zu füllen. Die andere Besonderheit war, dass die neue Welt nicht nur von sich aus wuchs. Sie war ebenfalls in der Lage die bisherigen Welten des Fernsehens und der Videospiele in sich aufzunehmen und ebenfalls gestaltbar zu machen.

Es gibt inzwischen keinen Konsument mehr. In dieser neuen Welt wirken sich die Besucher selbst auf die Welt aus und gestalten sie mit, selbst wenn sie das vielleicht gar nicht wollen. Die Welt vernetzt uns und bringt uns in einer Weise zusammen, wie keine andere Welt bisher. Sie ermöglicht den Akteuren der Welt ihre reale Welt mitzubringen: ihre Freunde, ihr soziales Umfeld, ihre Interessen, ihr Leben und die Welt reagiert darauf. Andere Menschen reagieren darauf. Und jetzt macht diese Welt den Sprung, den Videospiele schon hinter sich haben: es kommen Fenster in diese Welt, die uns ständig begleiten.

Bisher ging es um Computer. Der Bildschirm auf einem Computer ist stationär, selbst wenn man von Laptops spricht. Es mag etwas hinken, insbesondere weil ich das gerade auf einem Laptop in der Bahn tippe. Aber wirkliche Integration mit meinem Leben ist das noch nicht. Aber der Bildschirm wurde inzwischen noch kleiner – indem Mobiltelefone zu einem Bildschirm in diese neue Welt wurden.

Die Welt ist die Selbe. Doch werden dadurch, dass wir unser Fenster, unseren Zugang zur Welt mitnehmen, die Spielregeln geändert. Bisher nahmen wir unsere Realität mit in die neue Welt, doch die neue Welt wird bald nach uns greifen, wo immer wir sind. Wir werden doppelte Weltbürgerschaften haben. Die virtuelle Welt wird auch nach einer weiteren Welt greifen und die reale in sich integrieren. Oder umgekehrt, wen interessiert das schon.

What’s new?

Zurück zu der Frage:  Ist das Handy ein neues Fenster? Meiner Ansicht nach nein. Die Welt, in die ein Handy blickt, ist die Selbe in die der Computer blickt. Grund: man baue einen Laptop mit 3cmx4cm großem Bildschirm, der entsprechend kleine ULV-Chips verwendet, die Tastatur auf, sagen wir mal, 15 Tasten beschränkt und den wir, weil’s lustig ist, noch mit Modulen für Bluetooth, WLAN und GSM ausstatten. Richtig, dann haben wir ein Handy. Oder aber ich kann ein Handy nehmen und es in einer 20cmx30cm großen Ausführung bauen und habe einen Laptop. Nichts anderes passierte bereits mit Fernsehern für die Hosentasche und unseren geliebten Nintendo/PSP-Handhelds.

Also Nokia, um euer schönes Fensterbild mal etwas zu zertrümmern: Ich denke Mobiltelefone sind nicht erfolgreich, weil sie ein Fenster zu einer neuen Welt erschaffen haben. Sie gingen erst dann ab, als ihr ein Fenster zum bestehenden Internet in diese Geräte eingebaut und uns ermöglicht habt, das Netz in unseren normalen, sozialen Kontext mitzunehmen.

So oder so, das ist ein spannendes Thema. Ich habe das Gefühl das Mobiltelefon (oder allgemein mobile Endgeräte) bisher viel zu wenig beachtet zu haben. Sehr sträflich, insbesondere da ich am ZGDV einige Zeit mit mobilen Endgeräten zu tun hatte. Ergebnis: ab sofort gibt es hier die Kategorie “Mobiles”, da ich das Gefühl habe, dass mich das Thema nicht mehr so schnell loslässt.

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